Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE
Wetterfest in den Herbst
- Wir gehen zu einer leichten Untergewichtung von Aktien über.
- Starke Fundamentaldaten sind weitgehend eingepreist, während Risiken an Gewicht gewinnen.
- Eine verkürzte, mittlere Duration im Anleiheportfolio begrenzt Zinsänderungsrisiken.
- Taktische Risikoreduktion schafft Flexibilität, ohne strategische Überzeugungen aufzugeben.
1. Gewinnmitnahmen und Risikoreduktion
Nach der starken Marktperformance haben wir uns zu einer weniger offensiven Ausrichtung der Anlagepolitik entschlossen. Wir bleiben konstruktiv, erhöhen aber die Selektivität und schaffen Spielraum, um bei attraktiveren Bewertungen wieder gezielt Chancen zu nutzen. Dementsprechend haben wir uns entschieden, die Aktienquote in den von uns verwalteten Portfolien moderat zu reduzieren und, gemessen an der jeweils relevanten Benchmark, zu einer leichten Untergewichtung von Aktien relativ zur jeweils neutralen Aktienquote überzugehen.
Diese Entscheidung zeigt keinen Strategiewechsel an. Strategisch sind wir von bestimmten Wachstumsthemen unverändert überzeugt, vielmehr haben wir uns aus taktischen Gründen zu einem vorsichtigeren Umgang mit Marktrisiken entschlossen. Angesichts der starken Kursgewinne der vergangenen Quartale hat sich nach unserer Einschätzung das Chance-Risiko-Verhältnis gegen Ende des Sommers tendenziell verschlechtert. Durch Gewinnmitnahmen und Verringerung des Marktrisikos wollen wir die Portfolien für den Herbst „wetterfest“ machen und Flexibilität gewinnen, um künftige Chancen bei aus unserer Sicht attraktiveren Bewertungen nutzen zu können.
Die jüngste Aktienrallye wurde angetrieben durch das starke Gewinnwachstum des ersten Halbjahres. Schon das erste Quartal brachte zahlreiche positive Gewinnüberraschungen und eine kräftige Beschleunigung des Gewinnwachstums, sowohl in den USA als auch in Europa. Die Ergebnisse des zweiten Quartals übertrafen die des Winterquartals nochmals erheblich: In den USA (S&P 500) beispielsweise beschleunigte sich das Gewinnwachstum von 29 auf 52 Prozent. In Europa (STOXX Europe 600) zog das Gewinnwachstum von rund 12 auf 20 Prozent an. Parallel dazu haben die Analysten ihre Gewinnerwartungen für die Jahre 2026 und 2027 kontinuierlich nach oben angepasst (alle Angaben: FactSet, Stand 1.9.2026).
Das robuste Gewinnwachstum der Unternehmen und die dynamischen Gewinnerwartungen sind nach unserer Einschätzung weitgehend in den Bewertungen des Marktes eingepreist. Die Fundamentaldaten sind zwar stark und stützen die Märkte, doch auf immer neue positive Gewinnüberraschungen kann man nicht dauerhaft bauen. Gleichzeitig kommen aber einige Risiken stärker zum Vorschein: So nimmt unter den Marktteilnehmern die Diskussion über die künftigen Renditen aus den hohen Investitionen und ihre Verteilung unter den Tech-Unternehmen und anderen Nutzern zu. Es fällt beispielsweise auf, dass die Aktienmärkte innerhalb des Technologiesektors stärker differenzieren.
Auch andere Faktoren legen aus unserer Sicht einen defensiveren Umgang mit Marktrisiken nahe: Belastungen durch den Konflikt am Persischen Golf aufgrund von höheren Energiekosten und Lieferstörungen scheinen dauerhafter als gedacht. Speziell in den USA dürften höhere Energiekosten, Einfuhrzölle und die robuste, durch KI-Investitionen verstärkte Nachfrage dazu beitragen, dass die Inflation nur zögerlich zurückgeht. Dies spricht tendenziell für eine restriktivere Geldpolitik der US-Notenbank.
Die Staatsverschuldung ist wieder stärker in den Fokus der Märkte gerückt. In einigen Ländern der EWU – insbesondere auch in Frankreich – ist eine Konsolidierung des Staatshaushalts überfällig. Aber auch in den USA nimmt die öffentliche Verschuldung rasch zu. Der Internationale Währungsfonds beispielsweise schätzt die staatlichen Finanzierungssalden der kommenden Jahre in den USA auf rund 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die hohen staatlichen Finanzierungsbedarfe in den USA und Europa erhöhen das Anleiheangebot und begrenzen den Spielraum für dauerhaft niedrigere Kapitalmarktrenditen.
Zusätzlich nimmt die Konkurrenz um Kapital zwischen den Staaten und dem privaten Sektor zu. Das dürfte die Finanzierungskosten zusätzlich unter Druck halten und höhere Renditen begünstigen. Längerfristig erhöhte Inflation, die steigende Staatsverschuldung und der Kapitalbedarf des privaten Sektors gehen mit Aufwärtsrisiken bei den Renditen einher. Wir haben uns deshalb entschieden, ein aktives Eingehen von Zinsänderungsrisiken in den Anleiheportfolien zu vermeiden. Wir reduzieren Zinsänderungsrisiken durch eine Verkürzung auf eine mittlere Duration. Die Duration misst, wie empfindlich der Wert eines Anleiheportfolios auf Veränderungen des Marktzinses reagiert.
Innerhalb des Anleihemarktes bevorzugen wir weiterhin Unternehmensanleihen guter Bonität, die aus unserer Sicht ein attraktiveres Rendite-Risiko-Verhältnis als Staatsanleihen bieten. Wir sind zurückhaltend gegenüber schwächeren Bonitäten, insbesondere in Verbindung mit längeren Laufzeiten. High Yield-Anleihen spielen in den Vermögensverwaltungsmandaten traditionell keine Rolle.
2. Fokus auf selektive Wachstumschancen
An unseren langfristigen Überzeugungen halten wir unverändert fest. In diesem Sinne konzentrieren wir uns in der Anlage auf Bereiche mit starken strukturellen Wachstumstreibern. Technologie bleibt ein Schwerpunkt, insbesondere KI-Dienstleistungen, Software und Hyperscaler. Wir sehen zwar langfristige Unsicherheiten hinsichtlich der Kapitalrenditen einzelner KI-Investitionen. Die Antwort ist aber keine Abkehr vom Technologiesektor, sondern eine stärkere Differenzierung nach Geschäftsmodell, Bewertung und erwarteter Kapitalrendite. Die Wachstumsdynamik der großen Unternehmen im Bereich von AI-Services, Software und Infrastruktur ist nach unserer Überzeugung weiterhin intakt.
Während längerfristig erhöhte Zinsen für den Aktienmarkt insgesamt eine Herausforderung darstellen können, profitieren ausgewählte Finanzwerte von höheren Margen und steileren Renditekurven. Industriewerte schließlich sind wesentliche Nutznießer der umfangreichen Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Elektrifizierung und den Ausbau von KI-Kapazitäten. Unser Fokus verschiebt sich damit von einer breiten Marktpartizipation hin zu ausgewählten Unternehmen und Sektoren, die auch in einem Umfeld höherer Zinsen und restriktiverer Finanzierungsbedingungen nachhaltiges Wachstum erzielen können.
Wir haben über die letzten Quartale eine Neuausrichtung unserer Anlagepolitik vorgenommen. Unsere langfristigen Kernüberzeugungen bleiben unverändert bestehen. Gleichzeitig nutzen wir die starke Marktphase, um Risiken neu auszutarieren und Handlungsspielraum zu gewinnen. So halten wir die Portfolios widerstandsfähig, ohne auf die Chancen struktureller Wachstumstrends zu verzichten. Mit dieser ausgewogenen Positionierung sehen wir uns für ein möglicherweise anspruchsvolleres Marktumfeld im Herbst gut aufgestellt.
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