Kai Franke, Senior Investment Strategist, Private Wealth Management, ODDO BHF SE
Unternehmensberichterstattung für das 1. Quartal 2026: Was kann man erwarten?
- Hohe Gewinnerwartungen trotz Unsicherheiten
- Technologiesektor ist Haupttreiber des Gewinnwachstums
- Uneinheitliches Bild über Sektoren hinweg
- Bewertungen gesunken, vor allem im IT-Sektor
- Guidance der Unternehmen wichtige Orientierung
Die Berichtssaison nimmt Fahrt auf. In dieser Woche haben unter anderem die großen amerikanischen Finanzdienstleister ihre Zahlen gemeldet, zumeist mit den erwarteten guten Ergebnissen. Die Volatilität der Märkte half insbesondere den Handelsaktivitäten von wichtigen Adressen wie Goldman Sachs und JP Morgan, Blackrock und Citigroup. Auch die niederländische ASML, der weltweit größte Ausrüster für die Halbleiterherstellung, und der taiwanesische Halbleiterhersteller TSMC konnten die positiven Prognosen übertreffen. Andere bekannte Namen, darunter Johnson&Johnson und, eher enttäuschend, der Luxusgüterhersteller Kering (u.a. Gucci) lieferten ebenfalls Zahlen ab. In den nächsten Wochen setzt sich die Berichtssaison mit den Ergebnissen von zahlreichen prominenten Adressen auf beiden Seiten des Atlantiks fort. Die großen US-Technologieunternehmen werden überwiegend in der letzten Aprilwoche ihre Geschäftszahlen für das erste Quartal präsentieren. Ab Ende April stellen auch die DAX-Unternehmen ihre Zahlen vor, wobei SAP am 23. April den Anfang macht.
Schaut man auf die Prognosen der Analysten, sind die Erwartungen recht hoch gesteckt. Für die Unternehmen des S&P 500 liegt das erwartete Gewinnwachstum (Gewinn pro Aktie) im ersten Quartal 2026 nach Angaben von FactSet bei 12,3 Prozent (gegenüber dem gleichen Vorjahresquartal). Für den STOXX Europe liegt die Prognose für das erste Quartal bei nur 3,2 Prozent. Für den weiteren Jahresverlauf erwarten die Analysten aber auch in Europa eine kräftige Beschleunigung des Gewinnwachstums. Die IBES-Daten zeigen für den STOXX Europe 600 ein zweistelliges Gewinnwachstum in Höhe von 11,4 Prozent. In den USA sollen die Gewinne pro Aktie in diesem Jahr sogar kräftig um 18 Prozent steigen. Zudem weist FactSet darauf hin, dass die berichteten Ergebnisse die Prognosen für das jeweilige Quartal in aller Regel deutlich übertreffen.

Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten, die mit dem Ausbruch des Konflikts in der Golfregion verbunden sind, irritiert die erhoffte Resilienz des Gewinnwachstums. Insbesondere die Beschleunigung der erwarteten Gewinndynamik im März des Jahres dürfte manchen Anleger stutzig machen. Eine Erklärung dafür mag sein, dass Unternehmensanalysten nicht wirklich gut dafür gerüstet sind, die Folgen makroökonomischer Schocks auf die Gewinn-, Umsatz- und Margenentwicklung einzelner Unternehmen abzuschätzen. Das gilt erst recht, wenn der Schock hinsichtlich seiner Dauer und Stärke unsicher ist, und die Ökonomen angesichts der Spannweite der möglichen Entwicklungen eher in Szenarien denken als eine klare Orientierung geben. Dies könnte dazu beitragen, dass viele Analysten mit Revisionen noch zögern und/oder auf Guidance – die Selbsteinschätzung – der Unternehmen warten. Dann finden sich die Risiken eben auch in den Prognosen für das Gewinnwachstum nur eingeschränkt wieder.
Dass die Prognosen nach oben gehen, hat allerdings auch andere Ursachen: Treiber für das Gewinnwachstum sind unter anderem die Entwicklungen in den Sektoren Energie und, etwas moderater, Grundstoffe. Diese Sektoren profitieren zumindest langfristig von den gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen. Der Effekt dürfte für das erste Quartal zwar nur eingeschränkt beobachtbar sein, denn bei einigen großen Unternehmen schlagen die Produktionseinbußen in der Golfregion und buchhalterische Verluste aus Absicherungsgeschäften negativ zu Buche (Exxon, Chevron, Shell). Für die Folgequartale wird dann allerdings ein sehr starkes Anziehen der Gewinne erwartet. Das hilft, die Gewinnerwartungen in den USA und in Europa nach oben zu ziehen. Für die USA kommt hinzu, dass sich die Abwertung des Dollars im Vergleich zum ersten Quartal 2025 positiv im Gewinnwachstum niederschlägt.
Die Hauptrolle spielt allerdings wieder einmal der Technologiesektor, der für die Entwicklung der Unternehmensgewinne in den USA eine zentrale Rolle spielt: Voraussichtlich mehr als 30 Prozent der Gewinne (pro Aktie) des S&P 500 stammen 2026 von Unternehmen des IT-Sektors (dem Amazon, Meta und Google nicht zugerechnet werden). Die „großen Sechs“ (Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia) allein sollten im Jahr 2026 nach Zahlen von Bloomberg gut ein Viertel der Gewinne aller S&P 500-Unternehmen erwirtschaften. Das hohe Gewicht geht mit knackigen Wachstumsraten einher: Nach Berechnungen von FactSet könnten die Gewinne (pro Aktie) im IT-Sektor im ersten Quartal um rund 44 Prozent und im Gesamtjahr 2026 um 38 Prozent steigen. Diese Wachstumsprognosen werden aktuell durch strukturelle Faktoren wie den Ausbau der KI Infrastruktur gestützt, auch wenn Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung bestehen bleiben.

Die Kehrseite davon ist, dass die Gewinnentwicklung für die Mehrheit der Sektoren bescheidener ausfällt. Insbesondere für den Konsumsektor, den Industriesektor und den Gesundheitssektor sind die Gewinnschätzungen in den USA unterdurchschnittlich (s. Abb. 2a). In Europa sind die Erwartungen im Konsumbereich nach wie vor hochgesteckt. Vor allem im diskretionären Segment rechnen die Analysten offenbar – nach einem schwachen ersten Quartal – mit einer kräftigen Belebung im weiteren Verlauf des Jahres. Dabei spielt eine Rolle, dass das Vergleichsjahr 2025 ertragsschwach war. Es wird sich aber auch noch zeigen müssen, wie deutlich das Wirtschaftswachstum gebremst wird und wie robust die Gewinnschätzungen für die nächsten Quartale im aktuellen Umfeld tatsächlich sind.

Das erwartete dynamische Gewinnwachstum hat in diesem Jahr wenig dazu beigetragen, die Kursentwicklung an den Aktienmärkten in Schwung zu bringen. Schon vor Beginn der Kämpfe in der Golfregion schwächelte der US-Markt. Möglicherweise haben die robusten Gewinnprognosen dazu beigetragen, die Kurseinbußen zu Beginn der Kämpfe in der Golfregion in Grenzen zu halten. Tatsächlich sanken die Bewertungsrelationen (insb. Kurs-Gewinn-Verhältnis), während sich die (kürzerfristigen) Gewinnerwartungen verbesserten oder stabil blieben. Man kann das so deuten, dass die Zweifel an der längerfristigen Ertragskraft der Unternehmen zugenommen haben, speziell im IT-Sektor. Vermutlich hat aber auch der Anstieg der langfristigen Renditen zur Kontraktion der Bewertungsrelationen beigetragen.
Mittlerweile sind wir allerdings in der Situation, dass der IT-Sektor, der im langfristigen Vergleich am niedrigsten bewertete Sektor innerhalb des MSCI Welt ist (s. Abb. 3). Die Suche nach KI-Gewinnern und -Verlierern hat ihre Spuren hinterlassen. Dagegen können Sektoren wie Industrie (in den USA), Versorger und Kommunikation mit weniger guten Gewinnperspektiven als recht üppig bewertet gelten. Der Industriesektor in Europa ist aus unserer Sicht anspruchsvoll gepreist. Dafür verantwortlich ist eine Handvoll von Unternehmen, die vom Ausbau der KI-Infrastruktur oder von der Steigerung der Verteidigungsausgaben in Europa profitieren sollten. Die Unternehmensdaten sollten Hinweise liefern, inwieweit das tatsächliche Gewinnwachstum die üppigen Bewertungsaufschläge in diesem Bereich bestätigt.
Nach langen Wochen, in denen sich alles um Kriegsmeldungen, Energiepreisschwankungen, Friedensgesprächen und wechselseitigen Vernichtungsdrohungen drehte, hoffen die Anleger nun auf fundierte Informationen zur Lage der Unternehmen. Man sollte jedoch nicht erwarten, dass die Geschäftszahlen für das erste Quartal die Wirkungen und Risiken der Krise im Nahen Osten vollständig einfangen. Die Beobachter werden deshalb mindestens so sehr auf Hinweise der Unternehmen auf die erwartete Entwicklung und mögliche Risiken im Jahresverlauf achten. Unsicher ist, ob der Technologiesektor wieder zum Zugpferd für die Aktienmärkte werden kann. Die außerordentlich dynamische Entwicklung der Gewinne und die wesentlich entspanntere Bewertungssituation sind jedoch gute Argumente, diesen Teil des Marktes genau im Auge zu behalten.
Kai Franke
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