Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE
Politik, Gewinne und Konjunktur: Drei Säulen der aktuellen Marktstabilität
- Drei Faktoren stützen die Märkte: Politik, Gewinne und Konjunktur
- Das Umfeld ist stabil, bleibt aber risikobehaftet
- Langfristiger Erfolg basiert auf Fundamentaldaten und breiter Diversifikation
Die Kapitalmärkte bewegen sich selten nur aufgrund eines einzelnen Faktors. Meist entsteht Stabilität dann, wenn mehrere Kräfte gleichzeitig in dieselbe Richtung wirken. Genau das scheint derzeit der Fall zu sein: Ein politisches Interesse an möglichst ruhigen Märkten vor den US-Zwischenwahlen trifft auf solide Unternehmensgewinne und eine überraschend widerstandsfähige Weltwirtschaft. Für Anleger entsteht daraus ein Zeitfenster relativer Stabilität. Dieses sollte allerdings nicht mit einem Freifahrtschein für steigende Kurse verwechselt werden.
Eines der wichtigsten politischen Ereignisse des zweiten Halbjahres 2026 werden vermutlich die Zwischenwahlen in den USA sein. Bei den Mid Term-Elections geht es vor allem um die Machtverteilung im Kongress. Der Kampf ist verbissen. Bisher verfügen die Republikaner in beiden Häusern über Mehrheiten. Den aktuellen Umfragen zufolge haben die Demokraten aber eine gute Chance, die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zu erhalten. Die Chance auf eine demokratische Mehrheit im Senat ist dagegen gering. Ein demokratisch dominiertes Repräsentantenhaus könnte die künftigen Handlungsspielräume der US-Regierung merklich beeinträchtigen, kann aber mit Dauerkonflikten und gegenseitigen Blockaden verbunden sein.
Politische Börsen haben bekanntlich kurze Beine. Dennoch wäre es naiv, politische Anreize zu ignorieren. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Regierungen vor wichtigen Wahlen versuchen, wirtschaftliche Belastungsfaktoren möglichst gering zu halten. Schließlich beeinflussen Konsumlaune, Beschäftigung und Vermögensentwicklung die Stimmung der Wähler. Dies dürfte mit ein Grund dafür sein, dass sich das Weiße Haus um eine Beilegung der Kämpfe am Persischen Golf und der Öffnung der Straße von Hormus bemüht: Militäreinsätze im Ausland sind, gerade wenn sie sich länger hinziehen, bei den US-Wählern unbeliebt. Noch unbeliebter sind sie, wenn der Konflikt zu höheren Energiepreisen führt.
Das bedeutet nicht, dass Politik die Märkte kontrollieren kann (siehe Grafik 1). Wohl aber entsteht häufig ein Umfeld, in dem Konflikte pragmatischer behandelt, wirtschaftsfreundliche Maßnahmen stärker kommuniziert und potenzielle Belastungen verschoben werden. Gerade in den USA zeigt die Historie, dass vor national bedeutsamen Wahlen die Bereitschaft steigt, Stabilität zu signalisieren.
Grafik 1: S&P 500 über die letzten 100 Tage vor Zwischenwahlen, 2006 bis 2026

Quelle: Bloomberg; indexiert auf den Tag 100 vor dem Termin der Zwischenwahlen zum US-Kongress
Allein auf politische Hoffnung zu setzen, wäre jedoch kein tragfähiges Investmentargument. Entscheidend ist, dass die Fundamentaldaten derzeit Unterstützung liefern. Die laufende Berichtssaison zeigt bislang, dass viele Unternehmen ihre Erträge robuster verteidigen können als noch vor einigen Quartalen erwartet wurde. Die bisherigen Zahlen – mehr als die Hälfte stehen noch aus – deuten darauf hin, dass das Gewinnwachstum der S&P 500-Unternehmen im zweiten Quartal die Größenordnung von 40 Prozent erreichen könnte. Trotz höherer Finanzierungskosten, geopolitischer Spannungen und anhaltender Unsicherheit in einigen Regionen bleiben Gewinnmargen vielfach stabil.
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Widerstandskraft der Weltwirtschaft. Zahlreiche Volkswirte hatten angesichts der zunehmenden Länge des Energiepreisschocks deutliche Bremsspuren erwartet. Stattdessen zeigt sich ein differenziertes Bild: Das Wachstum ist zwar moderater geworden, eine breite wirtschaftliche Schwächephase blieb bislang jedoch aus. Im Euroraum beispielsweise, der als schockanfällig galt, liegt der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe trotz bedeutender Probleme in wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie im Expansionsbereich. Der Index für den Dienstleistungssektor im Euroraum hat sich zuletzt deutlich erholen können. Die Arbeitsmärkte in den großen Volkswirtschaften präsentieren sich vergleichsweise robust, die Konsumnachfrage hält sich besser als befürchtet, und die Investitionstätigkeit wird durch strukturelle Trends unterstützt.
Besonders sichtbar ist dies bei den Investitionen in Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Infrastruktur. Was zunächst als Technologiegeschichte begann, entfaltet zunehmend Wirkung entlang ganzer Wertschöpfungsketten. Nicht nur Softwareunternehmen profitieren davon. Auch Industrieunternehmen, Netzwerkausrüster, Energieversorger und Infrastrukturbetreiber investieren massiv. Dieser Investitionszyklus schafft Nachfrage, stärkt Unternehmensumsätze und trägt zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei.
Für Anleger ist dies von wesentlicher Bedeutung. Denn langfristig folgen Aktienmärkte weniger politischen Schlagzeilen als vielmehr den Unternehmensgewinnen. Solange die Gewinnentwicklung insgesamt positiv bleibt, eine deutliche konjunkturelle Eintrübung ausbleibt und die Geldpolitik mit maßvollen Zinserhöhungen auskommt, bleibt der fundamentale Unterbau der Märkte intakt.
Daraus sollte jedoch nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die kommenden Monate automatisch steigende Kurse garantieren. Historische Muster sind Orientierungshilfen, keine Naturgesetze. Sie können durch geopolitische Ereignisse, geldpolitische Überraschungen oder wirtschaftliche Schocks jederzeit durchbrochen werden. Auch die Unsicherheiten über den bedarfsgerechten Umfang des KI-Ausbaus und die Verteilung der Erträge und Kosten unter den Beteiligten bleiben hoch, was zu Bewegung an den Märkten führen kann.
Wenig sinnvoll erscheint der Versuch, Portfolios auf Basis kurzfristiger Schlagzeilen permanent umzustellen. Market Timing klingt in der Theorie verlockend, scheitert in der Praxis aber häufig daran, dass nicht nur der richtige Ausstiegszeitpunkt, sondern auch der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg gut getroffen werden muss. Vermutlich wurden die gröbsten Fehlentscheidungen von Anlegern weniger durch schlechte Unternehmen als durch hektische Reaktionen auf Unsicherheiten verursacht.
Gerade deshalb ist die aktuelle Marktphase aus Sicht eines langfristig orientierten Investors interessant. Wenn politische Unterstützung, solide Gewinne und eine stabile Konjunktur gleichzeitig wirken, entsteht die Möglichkeit, Portfolios strategisch weiterzuentwickeln, statt taktisch auf jede Nachricht reagieren zu müssen. Denn die eigentliche Herausforderung beginnt möglicherweise erst nach den Wahlen. Unterschiedliche politische Konstellationen können verschiedene wirtschaftspolitische Prioritäten nach sich ziehen. Steuerpolitik, Regulierung, Fiskalprogramme oder Handelsfragen könnten dann wieder stärker in den Vordergrund rücken. Risikomanagement bleibt unverzichtbar.
Bei der Aktienanlage spricht dieses Umfeld aus unserer Sicht für eine breite Positionierung. Die vergangenen Jahre wurden maßgeblich von wenigen sehr großen Technologiewerten dominiert. Die nächste Marktphase könnte jedoch stärker von einer Verbreiterung der Ertragsquellen geprägt sein. Qualitätsunternehmen mit robusten Bilanzen, ausgewählten Infrastrukturwerten sowie Substanzwerten könnten davon profitieren, dass Investitionen und Wachstum nicht länger nur auf wenige Sektoren konzentriert sind.
Die aktuelle Marktstabilität ruht auf drei Säulen: politischem Interesse an einem geordneten Umfeld, soliden Unternehmensergebnissen und einer widerstandsfähigen Konjunktur. Diese Kombination spricht gegen übermäßigen Pessimismus. Sie liefert aber ebenso wenig eine Rechtfertigung für blinden Optimismus.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Politische Zyklen können temporäre Marktfenster schaffen, doch langfristige Anlageerfolge entstehen durch Fundamentaldaten, Bewertung und Disziplin. Wer die aktuelle Stärke nutzt, um Portfolios widerstandsfähig und breit aufzustellen, dürfte besser vorbereitet sein, wenn nach den Wahlen wieder die harten wirtschaftlichen Realitäten in den Vordergrund rücken.
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