Federal Reserve Building

Kai Franke, Senior Investment Strategist Private Wealth Management, ODDO BHF SE

Kevin Warsch: US-Notenbank unter neuer Führung

Die US-Notenbank hat seit Freitag vergangener Woche einen neuen Chef. Mit Ablegung des Amtseids ist Kevin Warsh der neue Vorsitzende des Board of Governors of the Federal Reserve System, dem Führungsgremium der US-Notenbank. Gleichzeitig wurde Warsh zum Vorsitzenden des Offenmarktausschusses (FOMC) gewählt. Das FOMC ist das Gremium, in dem unter Beteiligung der Präsidenten der regionalen Federal Reserve-Banken die geldpolitischen Entscheidungen getroffen werden. Warsh, Wunschkandidat von US-Präsident Donald Trump, ersetzt Stephen Miran als Mitglied des Boards. Miran ist ausgeschieden. Jerome Powell, der das Amt des Chairman acht Jahre lang innegehabt hatte, bleibt als „normales“ Mitglied im Board of Governors und im FOMC. So entsteht vorerst keine neue Vakanz.

Soweit die organisatorischen Veränderungen. Nun wird sich zeigen, inwieweit Warsh der Notenbank seinen Stempel aufdrücken kann. Aus der Anhörung vor dem Senat beispielsweise geht hervor, dass Kevin Warsh vor allem in drei Bereichen einen „Regimewechsel“ anstrebt:

Vorerst gilt es jedoch als unwahrscheinlich, dass sich der frisch ernannte Zentralbankchef mit seinen Vorstellungen durchsetzen kann. Im Moment finden diese Überlegungen und insbesondere die Zinssenkungspläne weder im Board of Governors noch im Offenmarktausschuss viel Rückhalt.

Selbst sein Kollege Christopher Waller, der ebenfalls auf Donald Trumps Liste von Kandidaten für die Powell-Nachfolge gestanden hatte, will eine Zinserhöhung derzeit nicht mehr ausschließen, und Michael Barr, ein anderer Notenbankgouverneur, hat sich jüngst ausgesprochen kritisch zu den Plänen zur Verkürzung der Fed-Bilanz geäußert.

Tatsächlich hat sich das geldpolitische Meinungsbild innerhalb der Fed in den vergangenen Monaten recht deutlich verschoben. Hatten im Februar noch Zinssenkungserwartungen dominiert, positionierte sich der Offenmarktausschuss auf seiner Sitzung Ende April neutral. Die Diskussion drehte sich weniger um die Frage, wann Zinssenkungen möglich sein könnten. Eher ging es um die Frage, ob angesichts von Inflationsrisiken auch die Möglichkeit von Zinserhöhungen ins Auge gefasst werden muss.

Die Märkte sind hier sogar einen Schritt weiter. Laut Bloomberg-Umfrage veranschlagen die Wirtschaftsbeobachter für die nächsten Quartale Inflationsraten im Bereich von 3,5 bis 4 Prozent. Niemand kann mit Gewissheit sagen, wie lange noch auf die Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus gewartet werden muss. Zusätzlich ist der Preisanstieg im Dienstleistungsbereich nach wie vor kräftig, der Kostendruck durch die Einfuhrzölle besteht weiter, und auch die massiven KI-Investitionen tragen zu Inflationsrisiken bei. Vor diesem Hintergrund preisen die Terminkontrakte auf die Federal Funds Rate über die nächsten 12 Monate eine Erhöhung des Geldmarktsatzes um 25 Basispunkte ein (siehe Grafik 1).

Auch die US-Anleihemärkte sind vorsichtiger geworden. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen (T-Note) ist in den vergangenen Wochen deutlich nach oben gelaufen, von 3,9 Prozent Ende Februar auf aktuell rund 4,5 Prozent. Zeitweise war die T-Note-Rendite im Mai sogar bis in die Nähe von 4,7 Prozent gestiegen. Dahinter verbergen sich Inflationssorgen, und möglicherweise auch Vorbehalte gegenüber der wachsenden Staatsverschuldung. Wir gehen davon aus, dass sich diese Bedenken der Anleiheinvestoren nicht über Nacht verflüchtigen werden.

Kevin Warsh ist nun zwar Vorsitzender des Führungsgremiums der Fed und des FOMC, sitzt aber momentan unbequem zwischen den Stühlen. Einerseits hat sein Mentor, US-Präsident Donald Trump, klar formuliert, was er von ihm erwartet: niedrigere Zinsen. Andererseits steht Warsh einem Gremium vor, das von Zinssenkungen zurzeit nur schwer zu überzeugen sein dürfte. Warsh muss sich also genau überlegen, welche Botschaft er in seiner neuen Rolle nach außen trägt. Und, last but not least, unterliegt er der Kontrolle durch die Märkte. Eine geldpolitische Botschaft, die zu sehr in Richtung einer Lockerung zeigt, kann rasch nach hinten losgehen, wenn die Marktteilnehmer die Sicht der Dinge nicht teilen. Noch ist Kevin Warsh nicht der charismatische Anführer der Fed wie sein Vorbild, Alan Greenspan. Er muss sich das Vertrauen der Märkte erst verdienen.

Kai Franke

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