Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE 

Japanische Banken: Der stille Regimewechsel wird zur Investmentstory

Japan galt über Jahrzehnte als das Land der Deflation, der Nullzinsen und der enttäuschten Erwartungen. Gerade deshalb lohnt sich heute ein neuer Blick. Unsere Einschätzung hat sich verändert: von einer neutralen Haltung hin zu einem gezielten Investmentthema. Im Fokus steht dabei weniger eine breite Japan-Allokation, als der Bereich, der den aktuellen Regimewechsel möglicherweise besonders unmittelbar widerspiegelt: japanische Banken. Der zentrale Punkt ist einfach: Japan erlebt erstmals seit rund 30 Jahren wieder ein echtes Inflationsregime. Die Inflation liegt inzwischen seit vier Jahren über dem Inflationsziel der Bank of Japan von 2 %. Gleichzeitig deuten die Kombination aus steigenden Löhnen, robusterer Binnennachfrage und fiskalischen Impulsen darauf hin, dass sie auch in den kommenden Jahren nicht dauerhaft unter diese Marke zurückfallen dürfte. Damit wächst der Druck auf die Bank of Japan, den geldpolitischen Ausnahmezustand der vergangenen Jahrzehnte schrittweise zurückzuführen. Die Geldpolitik wird daher weiter normalisiert, während der Staat gleichzeitig fiskalische Impulse setzt. Diese Kombination ist bemerkenswert. Während viele westliche Volkswirtschaften unter den Folgen höherer Zinsen leiden, erlebt Japan erstmals seit Jahrzehnten einen positiven nominalen Wachstumsschock.

Für die Kapitalmärkte ist dies mehr als eine Randnotiz. An den Anleihemärkten spricht vieles für strukturell höhere Renditen. Die Phase künstlich unterdrückter Zinsen nähert sich ihrem Ende und verändert die Rahmenbedingungen für die gesamte Volkswirtschaft.

Auch der Yen könnte vor einer Neubewertung stehen. Kurzfristig bleibt die Währung anfällig, insbesondere solange die Zinsdifferenz zu den USA hoch bleibt. Langfristig sprechen jedoch mehrere Faktoren für Aufwertungspotenzial. Langfristige Bewertungsmaßstäbe deuten darauf hin, dass der Yen gegenüber vielen westlichen Währungen historisch günstig bewertet ist.  Dahinter stehen langjährige Lohnzurückhaltung und ein im internationalen Vergleich deutlich gesunkenes Preisniveau.

Die Folgen sind sichtbar. Für internationale Investoren wirken Konsum-, Wohn- und Dienstleistungskosten in Tokio heute deutlich günstiger als in vielen westlichen Finanzzentren. Daraus entsteht ein struktureller Standortvorteil, der langfristig Kapitalzuflüsse fördern und die Binnenwirtschaft stärken könnte.

Genau hier beginnt unser Investment Case für japanische Banken.

Kaum ein Sektor wurde von drei Jahrzehnten Deflation und Nullzinsen stärker belastet als die Banken. Ein Umfeld aus moderater Inflation, steigenden Löhnen, wachsendem Finanzierungsbedarf und langsam anziehenden Zinsen verändert diese Ausgangslage grundlegend. Während Banken in Europa und den USA bereits seit Jahren von höheren Zinsen profitieren, beginnt dieser Prozess in Japan gerade erst.

Bereits moderate Veränderungen der Zinsstrukturkurve können die Profitabilität japanischer Institute spürbar verbessern. Hinzu kommen solide Kapitalquoten, hohe Einlagenbestände und umfangreiche Beteiligungs- und Wertpapierportfolios, deren Ertragskraft in einer nominal wachsenden Wirtschaft zunehmen könnte.

Ebenso wichtig ist die Qualität der Inflation. Sie wird inzwischen nicht mehr ausschließlich von Importpreisen bestimmt. Steigende Löhne, fiskalische Impulse und eine robustere Binnenkonjunktur schaffen eine breitere wirtschaftliche Dynamik. Für Banken ist dies ein deutlich günstigeres Umfeld als die vergangenen Jahrzehnte, die von schwacher Kreditnachfrage und dauerhaftem Margendruck geprägt waren.

Unterstützt wird diese Entwicklung durch die Corporate-Governance-Reformen der vergangenen Jahre. Japanische Unternehmen erhöhen ihre Kapitaldisziplin, verbessern ihre Eigenkapitalrenditen und bauen ineffiziente Beteiligungsstrukturen ab. Dies stärkt die Dynamik im Unternehmenssektor und schafft zusätzliche Ertragsquellen für Finanzinstitute.

Die Diskussion um den Technologiesektor bleibt wichtig, steht für unsere Investmentthese jedoch nicht im Mittelpunkt. Die jüngste Schwäche einzelner Halbleiterwerte erscheint eher als Rotation innerhalb der KI-Wertschöpfungskette denn als Hinweis auf eine strukturelle Nachfrageschwäche. Für japanische Banken ist entscheidender, dass sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld nachhaltig verbessert.

Besonders interessant erscheint zudem die Währungsdimension für europäische Investoren. Ein vollständig abgesichertes Yen-Exposure ist nicht zwangsläufig die attraktivste Lösung. Ein moderat schwacher Yen stützt die in heimischer Währung ausgewiesenen Exporterlöse und trägt dazu bei, den Preis- und Nominalwachstumsdruck aufrechtzuerhalten. Dies unterstützt den graduellen Übergang zu einem normaleren Zinsumfeld, von dem insbesondere der Bankensektor profitieren kann. Gerade Banken profitieren von einer Wirtschaft, in der Kreditvergabe, Inflation und nominale Aktivität wieder an Dynamik gewinnen.

Gleichzeitig liegt die Bewertung des Yen gemessen an langfristigen Kaufkraftparitäten auf historisch niedrigen Niveaus. Sollte die Bank of Japan ihren Normalisierungskurs fortsetzen oder gar am Devisenmarkt intervenieren, könnten Phasen temporärer Yen-Stärke auftreten. Für europäische Investoren würde dies die in Euro gemessene Rendite japanischer Anlagen erhöhen und mögliche zwischenzeitliche Aktienmarktschwächen teilweise kompensieren.

Hinzu kommt, dass der Yen in globalen Stressphasen immer wieder stabilisierende Eigenschaften gezeigt hat. Eine teilweise offene Währungsposition kann daher nicht nur Renditepotenzial bieten, sondern auch die Diversifikation verbessern. Investoren sollten jedoch stets beachten, dass Währungen traditionell starken Preisschwankungen unterliegen und schwer vorhersehbar sind.

Japan ist heute weit mehr als eine Tech- oder Exportgeschichte. Der eigentliche strukturelle Wandel findet im Zusammenspiel von Inflation, Geldpolitik, Lohnentwicklung und Finanzsektor statt. Genau daraus ergeben sich Chancen, die über klassische Konjunkturzyklen hinausreichen.

Natürlich bleiben Risiken bestehen. Geopolitische Spannungen, Wechselkursbewegungen oder eine deutliche globale Wachstumsabschwächung könnten temporäre Rückschläge auslösen. Sie stellen den übergeordneten strukturellen Trend jedoch nicht zwangsläufig infrage.

Und dieser Trend ist bemerkenswert: Während viele Investoren Japan noch immer durch die Brille der vergangenen drei Jahrzehnte betrachten, verändert sich das Land fundamental. Höhere Inflation, steigende Löhne, positive Nominalwachstumsdynamik und historisch günstige Bewertungen schaffen eine Kombination, die in den entwickelten Volkswirtschaften selten geworden ist.

Meine zentrale Botschaft lautet daher: Der interessanteste Investment Case in Japan liegt meiner Meinung nach derzeit nicht zwingend in den bekannten Export- oder Technologiewerten, sondern im Finanzsektor. Sollte sich die Kombination aus Inflation, Lohnwachstum und geldpolitischer Normalisierung fortsetzen, könnte aus einem jahrzehntelangen Gegenwind für japanische Banken ein struktureller Rückenwind werden. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung des japanischen Regimewechsels für Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft.

Vergangene Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für die Zukunft. Die Rendite kann infolge von Währungsschwankungen steigen oder fallen. Etwaige Meinungsäußerungen geben die aktuelle Einschätzung des Investment Office der ODDO BHF SE wieder, die sich insbesondere von der Hausmeinung innerhalb der ODDO BHF Gruppe unterscheiden und ohne vorherige Ankündigung ändern kann.

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