Peter Reichel, Chief Investment Officer, ODDO BHF SE
Wenn Wachstum auf höhere Zinsen trifft: Warum Selektivität jetzt wichtiger wird
– 02.10.2026 –
Peter Reichel, Chief Investment Officer, ODDO BHF SE
- Robustes Wachstum trifft auf höhere Zinsen und geopolitische Unsicherheit
- Gewinne bleiben entscheidend, höhere Realzinsen disziplinieren Bewertungen stärker
- Wir setzen auf Qualität, strukturelles Wachstum und selektive Sektorpositionierung
Die Weltwirtschaft zeigt sich derzeit erstaunlich robust. Gleichzeitig ist das Umfeld für Anleger anspruchsvoller geworden. Wachstum und Unternehmensgewinne halten sich besser als vielfach erwartet, doch geopolitische Risiken und höhere Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck. Gerade der Ölpreis bleibt dabei eine wichtige Variable, weil er über die Inflation auch den weiteren Zinspfad beeinflusst. Hinzu kommen hohe Staatsdefizite und ein erheblicher Finanzierungsbedarf von der Unternehmensseite. Das Ergebnis ist ein Kapitalmarktumfeld, in dem höhere Zinsen länger Bestand haben könnten.
Für Anleger ist diese Kombination entscheidend. Ein solides Wirtschaftswachstum spricht grundsätzlich für Risikoanlagen. Höhere Realzinsen, also Zinsen nach Abzug der Inflation, erhöhen jedoch den Bewertungsdruck. Je höher die risikofreie Verzinsung, desto stärker müssen Unternehmen ihre Bewertungen durch tatsächliches Gewinnwachstum rechtfertigen. Genau deshalb glaube ich, dass die kommenden Monate weniger von der Frage geprägt sein werden, ob man Aktien besitzen sollte, sondern vielmehr davon, welche Aktien von Unternehmen mit welchen Geschäftsmodellen man besitzen möchte.
Daraus leiten wir für unsere Portfolios eine insgesamt etwas vorsichtigere Aktienpositionierung ab. Die Dynamik der Gewinnentwicklung ist für uns jedoch ein zentraler Stabilisierungsfaktor. Wir ziehen uns also nicht aus den Aktienmärkten zurück, sondern positionieren uns vor allem dort, wo wir langfristiges Wachstum, solide Bilanzen und nachvollziehbare Ertragsperspektiven sehen. Regelmäßige Gewinnmitnahmen und bewusste Einzeltitelentscheidungen sollen gleichzeitig genügend Flexibilität erhalten, um unter Abwägung der Risiken auf neue Chancen reagieren zu können.
Für diese Positionierung spielt die anstehende Berichtssaison eine wichtige Rolle. Sie wird zum Realitätstest für einige der großen Investmentthemen der vergangenen Quartale. Besonders gilt dies für Künstliche Intelligenz. Unsere grundlegende Überzeugung bleibt bestehen: KI ist aus unserer Sicht kein kurzfristiges Börsenthema, sondern ein mehrjähriger Investitionszyklus. Aber die nächste Phase dürfte wesentlich selektiver werden. Entscheidend wird sein, welche Unternehmen ihre hohen Investitionen tatsächlich in steigende Gewinne und freie Cashflows übersetzen können.
Deshalb bleiben Technologieunternehmen aus den USA für uns ein Schwerpunkt. Unsere Präferenz liegt dabei vor allem bei Halbleitern. Die hohen Investitionen in Rechenzentren erfordern weiterhin erhebliche zusätzliche Rechenleistung und unterstützen damit die Nachfrage entlang der Halbleiter-Wertschöpfungskette. Für uns bleibt entscheidend, ob die hohen Investitionen in KI-Infrastruktur durch eine entsprechende Entwicklung von Umsatz, Gewinnen und Cashflows bestätigt werden. Bei Software sind wir dagegen vorsichtiger. Nach der deutlichen Erholung vieler Titel spielen Bewertungen wieder eine größere Rolle. Nicht jedes Softwareunternehmen wird automatisch ein Gewinner der KI-Revolution sein. Einige Geschäftsmodelle werden durch KI gestärkt, andere könnten gerade dadurch stärkerem Wettbewerb ausgesetzt werden. Der Markt dürfte zunehmend zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden. Bei Technology Hardware sind wir neutral positioniert.
Diese Entwicklung erklärt zugleich unsere positive Einschätzung für US-Industriewerte. Ein Rechenzentrum besteht eben nicht nur aus Halbleitern. Es braucht Strom, Kühlung, Netze, Gebäude und technische Anlagen. KI entwickelt sich damit von einer reinen Technologiegeschichte zu einer Investitions-, Infrastruktur- und Energiegeschichte. Investitionsgüterunternehmen können zu den Profiteuren dieser Entwicklung gehören. Allerdings gehen wir auch hier selektiv vor. Nach den teilweise erheblichen Kurssteigerungen im Industriesektor achten wir stärker auf Bewertungen. Eine gute strukturelle Geschichte macht eine Aktie nicht zu jedem Preis attraktiv. Gerade in einem Umfeld höherer Realzinsen gewinnt dieser Grundsatz wieder an Bedeutung.
Ein dritter Schwerpunkt in den USA ist Healthcare. Hier bevorzugen wir Medizintechnik und Equipment gegenüber Pharma. Das erfüllt im Portfolio eine andere Funktion als unsere Technologiepositionierung. Healthcare verbindet strukturelle Wachstumstreiber mit vergleichsweise defensiven Geschäftsmodellen. Damit ergänzen wir die wachstumsorientierte KI-Positionierung um Unternehmen, deren Ergebnisentwicklung weniger unmittelbar vom Konjunkturzyklus abhängig ist. Politische Unsicherheit bleibt zwar ein Faktor, für unsere Positionierung sind jedoch die fundamentalen Perspektiven des Sektors entscheidend.
In Europa setzen wir vor allem auf Financials und Technology. Bei Finanzwerten ist das veränderte Zinsumfeld zentral. Ein länger anhaltendes Umfeld höherer Zinsen kann insbesondere europäischen Banken zugutekommen. Der Zusammenhang ist jedoch nicht mehr so eindeutig wie noch vor einigen Quartalen. Steigende Refinanzierungskosten und ein intensiverer Wettbewerb um Einlagen können einen Teil des positiven Zinseffekts wieder aufzehren. Deshalb ist auch hier eine pauschale Sektorwette aus unserer Sicht nicht ausreichend. Bei europäischen Banken bevorzugen wir solide Bilanzen und attraktive Ertragsperspektiven, während wir französische Banken angesichts der politischen und fiskalischen Unsicherheit zurückhaltender beurteilen.
Auch europäische Technologie bleibt interessant. Unsere Überzeugung konzentriert sich hier vor allem auf Halbleiter, die vom Ausbau der globalen Recheninfrastruktur profitieren. Bei Software dürfte dagegen die Differenzierung zwischen Unternehmen, die KI erfolgreich monetarisieren können, und solchen, deren Geschäftsmodelle durch KI unter Druck geraten, weiter zunehmen.
Was bedeutet all dies für ein Gesamtportfolio? Gerade das Zusammenspiel der Anlageklassen verändert sich. Nach Jahren extrem niedriger Zinsen liefern Anleihen wieder laufende Erträge. Kurzfristig bleiben wir bei langen Laufzeiten vorsichtig, weil Inflation, hohe Staatsdefizite und mögliche weitere Zinsschritte den Renditedruck aufrechterhalten können. Mit dem inzwischen deutlich höheren Renditeniveau verbessert sich jedoch das langfristige Chance-Risiko-Verhältnis. Wir möchten die Zinssensitivität deshalb nicht aggressiv erhöhen, sehen aber zunehmend die Voraussetzungen, längere Laufzeiten bei einer Stabilisierung von Inflation und Renditen schrittweise auszubauen.
Bei Unternehmensanleihen bevorzugen wir weiterhin höhere Kreditqualität. Solide Unternehmensbilanzen sprechen aus unserer Sicht für Investment Grade. Gleichzeitig mahnen die niedrigen Risikoaufschläge dazu, bei schwächerer Kreditqualität nicht leichtfertig zusätzliche Risiken einzugehen.
Damit ergibt sich für uns ein klarer roter Faden: Wir bleiben investiert, aber nicht unkritisch. Robuste Unternehmensgewinne und strukturelle Investitionen sprechen bei ausreichender Risikobereitschaft weiterhin für Aktien. Höhere Realzinsen verlangen jedoch mehr Disziplin bei Bewertungen. Gleichzeitig werden Anleihen nach dem Renditeanstieg wieder zu einem relevanteren Baustein im Portfolio.
Die Berichtssaison dürfte diese Entwicklung weiter verstärken. Es wird immer weniger genügen, nur das richtige Thema zu identifizieren. Entscheidend wird sein, die Unternehmen zu finden, die daraus tatsächlich langfristige Gewinne und Cashflows erwirtschaften. Für Anleger ist genau diese Unterscheidung zwischen einer guten Geschichte und einem guten Investment aus meiner Sicht derzeit wichtiger denn je.
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