Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE
Resilienz statt Globalisierung: Wie Geopolitik die Kapitalmärkte der kommenden Dekade prägt
- Vermehrte geopolitische Konflikte verändern das wirtschaftliche Umfeld strukturell
- Resilienz nimmt an Bedeutung zu für Investitionspläne und die Organisation von Lieferketten
- Industrie- und Handelspolitik verfolgen Reindustrialisierung, Sicherung strategischer Ressourcen und Technologien
- Staatliche Aufwendungen für die „nationale Sicherheit“ steigen
- Von den beschriebenen Entwicklungen könnten Unternehmen mit starker Marktstellung bei Infrastruktur, industrieller Modernisierung, Digitalisierung, Energiesicherheit oder Verteidigung profitieren
Lange Zeit galt die Globalisierung als nahezu unumkehrbarer Prozess. Unternehmen optimierten ihre Lieferketten grenzüberschreitend, Kapital floss frei über Kontinente hinweg und wirtschaftliche Effizienz stand im Mittelpunkt vieler Entscheidungen. Diese Entwicklung wird nicht zurückgedreht. Doch die Spielregeln verändern sich grundlegend.
Geopolitik ist zu einem prägenden Faktor der Wirtschaft und damit für die Kapitalmärkte geworden. Nicht mehr die Liberalisierung des Welthandels steht im Vordergrund, sondern die Wahrung von politischen und wirtschaftlichen Interessen innerhalb der sich wandelnden Weltordnung. Handelskonflikte, technologische Rivalitäten und verschärfte Sicherheitsinteressen führen dazu, dass Staaten und Unternehmen ihre Abhängigkeiten neu bewerten. Die Frage lautet nicht mehr vorrangig, wo am günstigsten produziert werden kann. Immer mehr geht es darum, wo verlässlich produziert werden kann.
Deutlich sichtbar wird dieser Wandel bei den globalen Lieferketten. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie anfällig hochgradig optimierte Produktionsnetzwerke für politische Spannungen, Sanktionen oder regionale Konflikte sein können. Viele Unternehmen reagieren darauf mit einer stärkeren Diversifizierung ihrer Zulieferer, der Verlagerung von Produktionskapazitäten oder dem Aufbau strategischer Reserven. An die Stelle des „Offshoring“ vergangener Jahre tritt das „Reshoring“ oder „Nearshoring“ bzw. „Friendshoring“. Für die Wirtschaft bedeutet dies häufig höhere Kosten, aber auch eine geringere Krisenanfälligkeit. Für Investoren eröffnet es neue Perspektiven auf Branchen und Regionen, die von dieser Neuordnung profitieren können
Grafik 1: Geopolitical Risk Index nach Caldara/Iacoviello

Quelle: Caldara, Dario and Matteo Iacoviello (2022), “Measuring Geopolitical Risk,” American Economic Review, Seite 1194-1225; Daten: Stand Juli 2026
Die Renaissance der Industriepolitik ist die wirtschaftspolitische Dimension dieser Entwicklung. Sowohl in den USA als auch in Europa erleben wir eine Phase der Reindustrialisierung. Halbleiter, Energieinfrastruktur, Batterietechnologie oder kritische Rohstoffe gelten als strategische Produkte und werden zunehmend als Frage der wirtschaftlichen und nationalen Sicherheit betrachtet. Staatliche Förderprogramme und Einfuhrbeschränkungen sollen Produktionskapazitäten zurückholen oder neu aufbauen. Dies verändert nicht nur die Investitionsströme, sondern auch die langfristigen Wachstumsperspektiven einzelner Branchen.
Die größeren geopolitischen Reibungsflächen erhöhen anscheinend die Frequenz und Intensität der Konflikte (siehe Grafik 2). Der Ukraine-Krieg beispielsweise befindet sich im fünften Jahr, und auch der Krieg am Persischen Golf scheint kein Ende zu finden. Beide Konflikte haben erhebliche strukturelle Auswirkungen auf die Energieversorgung. Zugleich gewinnt die Sicherheitspolitik massiv an Bedeutung. Auch in den westlichen Staaten nehmen die Verteidigungsausgaben seit Jahren deutlich zu. Gleichzeitig wächst der Investitionsbedarf in Infrastruktur, Energienetze und digitale Sicherheit. Diese Entwicklungen sind keine kurzfristige Reaktion auf einzelne Ereignisse, sondern Ausdruck eines strukturellen Wandels. Volkswirtschaften investieren zunehmend in ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Risiken.
Grafik 2: Globale Militärausgaben (real, in konstanten USD von 2024)

Quelle: SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute), Military Expenditure Database, Stand: April 2026
Für Anleger liegt darin eine wichtige Erkenntnis: Nicht jede geopolitische Schlagzeile ist automatisch ein Investmentthema. Kurzfristige Marktreaktionen auf politische Nachrichten sind oft schwer vorherzusagen und können innerhalb weniger Tage wieder verschwinden. Für mittel- bis langfristig orientierte Anleger können die langfristigen Trends, die durch geopolitische Veränderungen ausgelöst werden, wesentlich relevanter sein.
Aktienmärkte spiegeln solche strukturellen Verschiebungen häufig frühzeitig wider. Unternehmen mit starker Positionierung in den Bereichen Infrastruktur, industrielle Modernisierung, Digitalisierung, Energiesicherheit oder Verteidigung könnten über viele Jahre von steigenden Investitionen profitieren. Gleichzeitig werden Risiken dort sichtbar, wo Geschäftsmodelle stark von einzelnen Handelsbeziehungen oder politischen Rahmenbedingungen abhängig sind.
Auch an den Anleihemärkten hinterlassen geopolitische Veränderungen ihre Spuren. Umfangreiche Infrastruktur- und Verteidigungsprogramme erhöhen in vielen Ländern den Finanzierungsbedarf der Staaten. Dadurch rückt die Frage der langfristigen Tragfähigkeit öffentlicher Haushalte stärker in den Fokus. Gleichzeitig können höhere Investitionen das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft stärken und damit die Schuldentragfähigkeit verbessern. Die Auswirkungen auf Zinsen und Staatsanleihen bleiben daher differenziert.
Im Rohstoffbereich wird die Bedeutung strategischer Ressourcen weiter zunehmen. Der Wettbewerb um kritische Metalle (wie Seltenen Erden), Energieversorgung und technologische Schlüsselkomponenten dürfte ein prägendes Thema der kommenden Jahre bleiben. Gold behält in diesem Umfeld seine traditionelle Rolle als Absicherung gegen politische und wirtschaftliche Unsicherheit, zumal geopolitische Spannungen eine Reihe von Währungsbehörden nach Möglichkeiten zur Diversifikation, neben dem Dollar, schauen lässt. Auf kurze Sicht allerdings wird die Entwicklung des Goldpreises von vielen weiteren Faktoren beeinflusst.
Aus heutiger Sicht dürfte die kommende Dekade daher weniger von einer Rückkehr zur alten Globalisierung geprägt sein als von einer Neuordnung wirtschaftlicher Verflechtungen. Kapitalmärkte müssen sich auf eine Welt einstellen, in der Effizienz, Sicherheit und Resilienz stärker gegeneinander abgewogen werden. Für Anleger bedeutet dies vor allem eines: Der Blick auf langfristige strukturelle Entwicklungen wird wichtiger als die tägliche Reaktion auf politische Schlagzeilen.
Geopolitik ist kein kurzfristiges Börsenthema mehr. Sie entwickelt sich zu einem dauerhaften Treiber wirtschaftlicher Entscheidungen und damit zu einem zentralen Faktor für die Kapitalmärkte der kommenden Jahre. Wer die großen strukturellen Veränderungen versteht, verfügt über den besseren Kompass für eine zunehmend komplexe Welt.
Vergangene Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für die Zukunft. Die Rendite kann infolge von Währungsschwankungen steigen oder fallen. Etwaige Meinungsäußerungen geben die aktuelle Einschätzung des Investment Office der ODDO BHF SE wieder, die sich insbesondere von der Hausmeinung innerhalb der ODDO BHF Gruppe unterscheiden und ohne vorherige Ankündigung ändern kann.
WICHTIGE HINWEISE
Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen und Darstellungen erfolgen zu Informationszwecken und stellen weder eine Anlageberatung noch eine Anlageempfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar. Die Analysen sind nicht als Empfehlung zum Erwerb oder zur Veräußerung zu verstehen. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung. Märkte unterliegen Schwankungen; der Wert einer Anlage kann sowohl steigen als auch fallen. Aussagen über zukünftige Marktentwicklungen basieren auf Annahmen und Schätzungen, die sich als unzutreffend erweisen können. Soweit in diesem Bericht spezifische Einzeltitel, Branchen oder Märkte thematisiert werden, handelt es sich hierbei um eine Darstellung der aktuellen Meinung des Investment Office der OBSE zum Zeitpunkt der Erstellung, die sich infolge veränderter Markt-, Wettbewerbs- oder Rahmenbedingungen jederzeit ändern kann. Die Bank übernimmt keine Gewähr dafür, dass die genannten Titel oder Marktsegmente die erwartete Wertentwicklung aufweisen.
© 2026, Herausgeber: ODDO BHF SE, Gallusanlage 8, 60329 Frankfurt am Main. Alle Rechte vorbehalten.