Kai Franke, Senior Investment Strategist Private Wealth Management, ODDO BHF SE
Geldpolitik gerät in den Griff des Kriegs im Nahen Osten
Die großen Notenbanken haben in dieser Woche die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich gezogen. Das an sich ist nicht ungewöhnlich, setzen die Zentralbanken doch durch ihre Geldpolitik zentrale Fakten für die Finanzmärkte. Angesichts des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran dürften die Marktteilnehmer mehr als sonst darauf geachtet haben, wie die Notenbanken mit den globalen Spannungen umgehen. Um es zusammenzufassen: Weder die US-Notenbank Fed noch die Europäische Zentralbank, die Schwedische Reichsbank, die Bank of England, die Bank of Canada, die Schweizerische Nationalbank oder die Bank of Japan sind dem Beispiel der Australier gefolgt, die am Dienstag die Zinsen angehoben hatten. Der amerikanische Leitzins bleibt damit im Zielband zwischen 3,50 bis 3,75 Prozent, der Einlagensatz der EZB bei 2,0 Prozent.
Dass die Notenbanken eine Zinsänderung beschließen würden, war ohnehin nicht zu erwarten gewesen. Die Sorgen der Anleger nehmen allerdings angesichts der zunehmenden Schärfe des militärischen Konflikts und des Ausmaßes der Schäden an der Energieinfrastruktur zu. Daher haben die Energiepreise in der letzten Woche nochmals angezogen (siehe Abbildung 1). Dies spiegelt sich an den Anleihemärkten in Form von Inflationssorgen und höheren Anleiherenditen. Auch an den Aktienmärkten hat die Nervosität zugenommen, wenngleich sich die Kursverluste auf Gesamtmarktebene bislang in Grenzen halten, ein breiter Abverkauf nicht zu beobachten war.

Die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank haben in dieser Woche turnusmäßig ihre neuen Schätzungen für wichtige gesamtwirtschaftliche Kenngrößen aktualisiert. Das bietet uns als Beobachtern einen Einblick in die aktuelle Bewertung der Risiken. Auf Seiten der Fed fällt ins Auge, dass sie die Wachstumsprognose für das laufende Jahr 2026 leicht nach oben, von 2,3 Prozent auf 2,4 Prozent, gesetzt hat. Dabei geht die Fed anders vor als die EZB: Die Projektionen der Fed zeigen jeweils die prozentuale Veränderung von Q4 des Vorjahres bis Q4 des nächsten Jahres; die EZB verwendet für ihre Projektionen Jahresdurchschnitte. Offensichtlich sieht die Fed derzeit keine wesentlichen Risiken für Wachstum und Beschäftigung auf die USA zukommen. Dies hat auch damit zu tun, dass die USA Nettoexporteur von Energieprodukten sind. Diese Sicht passt zu den Wachstumsprognosen der Marktbeobachter und auch zu den Gewinnerwartungen für die Unternehmen des S&P 500. Tatsächlich ist das erwartete Gewinnwachstum (Gewinn pro Aktie) für das Jahr 2026 weiter gestiegen, für den S&P 500 auf rund 16 Prozent. Dieses Bild könnte sich aber möglicherweise angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Golfregion als etwas optimistisch erweisen.
In der Inflationsprognose der Fed spiegeln sich die Unsicherheiten des Krieges im Nahen Osten deutlicher. Die amerikanischen Notenbanker erwarten nun, dass sich die Preise für den persönlichen Konsum im Jahresverlauf 2026 um 2,7 Prozent verteuern werden, nachdem sie zuvor mit 2,4 Prozent gerechnet hatten. Zumindest den längerfristigen Effekt der höheren Energiepreise veranschlagen sie damit vorerst moderat. Zudem weist die Fed auf einen zweiten preistreibenden Faktor hin, die Zähigkeit der Inflation im Dienstleistungsbereich.
Im Endeffekt spricht die Einschätzung aber dafür, dass – vorbehaltlich einer möglichen expansiveren Ausrichtung der Fed unter der Leitung des designierten Fed-Chefs Kevin Warsh – Zinssenkungen der Fed unwahrscheinlicher geworden sind. Eine deutliche Mehrheit der FOMC-Teilnehmer kann sich allerdings noch eine einzige Zinssenkung bis zum Jahresende 2026 vorstellen – womit die Teilnehmer vermutlich von einer Entspannung der Situation am Golf ausgehen. Schaut man auf die Terminmärkte, scheinen die Marktteilnehmer von dieser Einschätzung derzeit nicht mehr überzeugt zu sein. Die Märkte haben Zinssenkungen in den USA mittlerweile ausgepreist (s. Abbildung 2). Doch natürlich hängt die weitere Entwicklung von der Stärke und Dauer des Energiepreisschocks ab.

Im Euroraum sind die Inflationsrisiken durch den Iran-Krieg höher als in den USA, da Europa sehr viel stärker darauf angewiesen ist, seinen Energiebedarf auf den Weltmärkten zu decken. Neben dem Ölpreis hat – anders als in den USA – auch der Erdgaspreis (auf der Großhandelsebene) stark angezogen. Allerdings lag die jährliche Inflationsrate des Euroraums im Februar bei 1,9 Prozent, deutlich niedriger als in den USA. Die Kernfrage ist, ob die Inflation im Euroraum so niedrig bleiben kann. Für die Inflationsrate im Euroraum (Harmonisierter Verbraucherpreisindex) gehen wir davon aus, dass der Energiepreisschub rund 0,8 Prozentpunkte zur Inflationsrate im März beitragen könnte.
Die neuen Schätzungen der EZB zeigen das Stagflationsrisiko. Während die Zentralbank ihre Wachstumsprognose für den Euroraum für das Jahr 2026 in ihrem Basisszenario um 0,3 Prozentpunkte auf 0,9 Prozent gesenkt hat, hob sie die Inflationsprognose recht deutlich um 0,7 Prozentpunkte auf 2,6 Prozent an. Zwischenzeitig dürfte die Inflationsrate nach Einschätzung der EZB über die Marke von 3 Prozent steigen. Die Prognose der Kerninflationsrate im Jahr 2026 würde allerdings mit 2,3 Prozent nahe am Inflationsziel bleiben. Die neue Inflationsprognose für das Jahr 2026 setzt keine schnelle Deeskalation der Lage am Golf voraus, aber auch keine massive Verschärfung. Zudem hat die EZB auch zwei weitere Szenarien mit tiefergreifenden Konsequenzen („Adverse“ bzw. „Severe“) vorgestellt. Aktuell bewegen sich die Energiepreise zwischen den Preisannahmen für das Baseline-Szenario und für das Adverse-Szenario.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde selbst sprach in der Pressekonferenz davon, dass die EZB aufmerksamer gegenüber den Prognoserisiken sei. Vor allem aber signalisieren die Prognosen auch Handlungsbereitschaft. Sollten sich die Perspektiven nicht deutlich verbessern, können wir uns bereits im April einen Zinsschritt nach oben vorstellen. Allerdings lässt die Projektion für 2027 (2,0 Prozent) erkennen, dass die EZB auf etwas längere Sicht von einer Beruhigung an den Energiemärkten ausgeht. Trotz der hohen Inflationsprognose stellt die EZB keine Zinserhöhung in Aussicht, sondern hält an ihrem Kurs fest, datenabhängig handeln zu wollen. Die Terminmärkte im Euroraum jedenfalls preisen für den Rest des Jahres fast drei Zinsschritte nach oben ein, auf 2,75 Prozent (siehe Abbildung 2). Doch auch diese Markterwartung bleibt angesichts des aktuellen Umfeldes eine ungewisse Angelegenheit.
Kai Franke
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