Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE 

Ein Monat nach dem Reformpaket: Der DAX setzt seinen Rekordlauf fort

Der Deutsche Aktienindex (DAX) hat am Montag dieser Woche die Marke von 26.000 Punkten genommen und einen historischen Höchststand erreicht. Damit lag der Dax wieder über dem Niveau, das er nach der Ankündigung des Reformpakets der Bundesregierung Anfang Juli erreicht hatte. Auch ein Börsenerfolg hat viele Väter, und der Kursanstieg lässt sich gewiss nicht unmittelbar auf die Reformpläne der Bundesregierung zurückführen. Dennoch lässt sich bei aller Vorsicht sagen, dass die Reformen, die die schwarz-rote Bundesregierung am 2. Juli vorgestellt hatte, in die richtige Richtung gehen und das wirtschaftliche Umfeld mittel- bis langfristig verbessern helfen. Damit würde sich auch das Umfeld für deutsche Aktien verbessern.

Schon im Jahr 2003 galt Deutschland als der „kranke Mann Europas“. Damals setzte die rotgrüne Bundesregierung unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 wichtige Impulse zur Modernisierung der deutschen Wirtschaft. In den Jahren danach entwickelten sich deutsche Aktien deutlich besser als viele europäische Vergleichsindizes. Der Dax stieg von einem zyklischen Tief von knapp 2.200 Punkten im März 2003 bis auf über 8.000 Punkte im Sommer 2007. Der Euro Stoxx 50 erhöhte sich in dieser Zeit von rund 2.000 Punkten im Frühjahr 2003 auf gut 4.500 Punkte im Mai 2007.

Auch damals galt, wie heute, dass die Agenda 2010 allein diese beeindruckende Outperformance deutscher Aktien nicht ausgelöst hat, zumal die rotgrüne Bundesregierung schon im November 2005 zerbrach, ohne dass dies den Aufschwung am deutschen Aktienmarkt gebremst hätte. Doch ohne diese Strukturreformen hätte der starke Kursanstieg deutscher Aktien möglicherweise weniger stark ausfallen können.

In den vergangenen Jahren haben düstere Kommentare den deutschen Aktienmarkt begleitet: Deutschland sei reformunfähig, hohe Energiepreise behinderten die Industrie, die Bürokratie ersticke die Wirtschaft. Und auch am jetzigen Reformpaket, das die Bundesregierung erst noch zu Gesetzen formen muss, kam die Kritik auf, dass es zu wenig ambitioniert sei.

Sicher wird der Reformstau mit diesem Maßnahmenpaket noch nicht abgearbeitet. Doch es setzt einen Anfang, dem hoffentlich bald weitere Reformen folgen werden. Die beschlossenen Maßnahmen umfassen eine Vielzahl von Themen und setzen in ihrem Zusammenspiel positive Impulse:

Besonders die Unternehmensverbände hätten sich mehr gewünscht. Doch wenn all diese Einzelmaßnahmen bis zum Ende dieser Legislaturperiode realisiert würden, wäre auch nach Einschätzung vieler Wirtschaftsverbände ein großer Schritt nach vorne getan.

Auch in Spanien wird die Arbeitsmarktreform, die im März 2022 in Kraft getreten ist, gerne mit dem beeindruckenden Aufschwung der spanischen Wirtschaft in Zusammenhang gebracht. Und in der Tat ist er beeindruckend: Im laufenden Jahr 2026 könnte die spanische Wirtschaft um 2,7 Prozent wachsen, während die deutsche kaum über ein Wachstum von 0,4 Prozent hinauskommen dürfte. Doch die OECD schränkt den Befund dahingehend ein, dass sich Spaniens Wirtschaftswachstum in den Jahren 2021 bis 2024 zu rund zwei Dritteln auf eine Zunahme der Beschäftigung zurückführen lässt und nicht auf ein Wachstum der Produktivität. Getragen wird der Aufschwung auch von niedrigen Strompreisen, vor allem aus Wind und Solar. Was den Aufschwung am spanischen Aktienmarkt angeht, so wird der Anstieg des Leitindex Ibex 35 zu einem erheblichen Teil aus Kursgewinnen der Großbanken Santander, BBVA und Caixa gespeist. Diese profitieren allenfalls nur indirekt von der Arbeitsmarktreform und niedrigen Energiepreisen.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit sollte die unmittelbare Auswirkung von Reformprogrammen auf die Aktienmärkte nicht überschätzt werden. Sie sollten aber auch nicht leichthin abgetan werden. Sie können wichtige Impulse für das Marktumfeld setzen, vor allem wenn sie eine Aufbruchstimmung vermitteln. Es ist ein bisschen wie bei einem Festmenü: Kerzen und ein schön gedeckter Tisch bringen das kunstvoll zubereitete Essen besser zur Geltung.

In der Summe bleiben wir vorsichtig positiv für deutsche Aktien gestimmt. Denn auch wenn sich die politischen Rahmendaten verbessern, bleiben aus Marktsicht viele Belastungsfaktoren, beispielsweise ein stärkerer Wettbewerb aus China, der zunehmend die Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft Automobil, Maschinenbau und Chemie unter Druck setzt. Auch liegt die deutsche Wirtschaft in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Datenzentren und Halbleiter zurück, zumindest aus heutiger Sicht. Nichtsdestotrotz hat auch die deutsche Wirtschaft ihre Stärken, und die aktuelle Ertragsentwicklung vieler deutscher Unternehmen belegt dies eindrucksvoll. Es lohnt sich nach unserer Überzeugung, auch den deutschen Markt im Blick zu behalten.

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