Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE 

Die neue Marktlogik: Unsicherheit bleibt – Chancen auch

Die Kapitalmärkte bewegen sich in einem Umfeld, das sich strukturell verändert hat. Was lange als Ausnahme galt – geopolitische Spannungen, schwankende Inflation, abrupte Kursbewegungen –, ist zur neuen Normalität geworden. Für Anleger bedeutet das vor allem eines: Orientierung wird wichtiger als Prognosegenauigkeit, denn die großen Linien sind klarer als kurzfristige Schwankungen. Die jüngste Eskalation zwischen den USA und Iran unterstreicht diese Realität: Geopolitische Schocks wirken unmittelbar über Energiepreise, Inflationserwartungen und Kapitalmarktzinsen in die Märkte hinein. Zwischenzeitliche Entspannungssignale – wie zuletzt im Nahen Osten – bleiben meist temporär und ändern wenig an den zugrunde liegenden strukturellen Spannungen.

Vor diesem Hintergrund hat sich das Global Investment Committee aufgrund der jüngsten Eskalation in der Straße von Hormuz kurzfristig abgestimmt, um die geoökonomischen Auswirkungen sowie die Implikationen für Anlageklassen und Strategien zu bewerten. Die Einschätzung bleibt unverändert: Wir sehen aktuell keinen Anpassungsbedarf und halten an unserem Szenario fest, bei gleichzeitig sehr enger Beobachtung der Markt- und Risikodynamik.

Der zentrale Treiber dieses Wandels ist die Verschiebung von einer primär geopolitisch geprägten Welt hin zu einer geoökonomischen Ordnung. Macht misst sich nicht mehr nur militärisch oder diplomatisch, sondern zunehmend über wirtschaftliche Stärke, technologische Führungsfähigkeit und Kontrolle über kritische Ressourcen. Energiesicherheit bleibt ein strategischer Schlüssel – für Staaten, Unternehmen und Kapitalmärkte.

Auch Handelskonflikte sind neu zu bewerten: Sie sind kein temporäres Störgeräusch, sondern Ausdruck tieferliegender Rivalitäten – besonders im Verhältnis zwischen den USA und China. Parallel wird künstliche Intelligenz zum entscheidenden Wettbewerbsfeld – mit direkten Auswirkungen auf Produktivität, Unternehmensgewinne und Bewertungen. Lieferketten werden entsprechend neu organisiert: weniger entlang maximaler Effizienz, stärker entlang von Sicherheitsaspekten. Das führt zu einem Umfeld, in dem höhere Volatilität strukturell verankert bleibt.

Gleichzeitig zeigt sich die US-Konjunktur robuster als vielfach erwartet. Insgesamt zeichnet sich ein „Soft-Landing“-Szenario ab – mit moderatem, stabilem Wachstum und einer vorsichtigen Beschleunigung im Jahresverlauf. Das Wachstum verlangsamt sich zwar, bleibt aber klar positiv. Der Arbeitsmarkt verliert an Dynamik, ohne ernsthafte Schwächesignale. Bemerkenswert ist die Rolle der Investitionen im Bereich künstlicher Intelligenz, die sich zunehmend als eigenständiger Wachstumstreiber etablieren.

Europa hat sich zuletzt besser entwickelt als viele Prognosen erwarten ließen. Frühindikatoren deuten auf eine beginnende zyklische Erholung hin, die bislang vor allem vom Dienstleistungssektor getragen wird. Die zwischenzeitlich gesunkenen Energiepreise entlasten Verbraucher und Unternehmen, während die Arbeitsmärkte stabil bleiben. Gleichzeitig bleibt die industrielle Dynamik uneinheitlich und anfällig, sodass die Erholung insgesamt fragil bleibt. Die Investitionstätigkeit zieht wieder an, insbesondere im Industriesektor. Deutschland sticht dabei mit einem Reformansatz hervor: fiskalische Impulse und strukturelle Maßnahmen könnten die Basis für nachhaltigeres Wachstum legen. Kurzfristig bleibt der industrielle Kern volatil, während positive Effekte eher mittelfristig greifen.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Rezessionsrisiko insgesamt begrenzt. Das Wachstum normalisiert sich – ein für Kapitalmärkte grundsätzlich konstruktives Umfeld, solange keine ausgeprägten Ungleichgewichte entstehen und geopolitische Eskalationen sowie Energiepreisentwicklungen nicht in eine erneute Abschwächung münden.

Auch auf der Inflationsseite zeigt sich unserer Ansicht nach ein klarer Trend: Der Höhepunkt liegt hinter uns. In den USA ist die Inflation rückläufig, im Euroraum setzt sich diese Bewegung fort. Niedrigere Energiepreise wirken dämpfend, doch der Rückgang verläuft langsamer als erwartet. Die Kerninflation bleibt erhöht und hartnäckig, während sich der Preisdruck nur schrittweise abschwächt. Der Arbeitsmarkt bleibt stabil, und das Lohnwachstum verliert zwar an Dynamik, trägt aber dazu bei, dass sich der Inflationsrückgang verzögert.

Für die Geldpolitik bedeutet das eine Phase der Neujustierung. Die US-Notenbank bleibt datenabhängig, mit begrenztem Spielraum für weitere Zinserhöhungen. In der Eurozone nähert sich der Zinserhöhungszyklus seinem Ende, auch wenn die Politik vorerst restriktiv bleibt. Gleichzeitig haben die Märkte bereits ein vergleichsweise straffes Umfeld eingepreist. Sollte sich das künftige Zinsniveau als weniger restriktiv erweisen, ergibt sich ein potenzieller Entlastungseffekt für Risikoanlagen. Der Fokus verschiebt sich damit von der Inflationsbekämpfung hin zur Tragfähigkeit des Wachstums.

Für Aktienmärkte ergibt sich ein differenziertes Bild. Sie bleiben attraktiv, doch die Phase, in der die Marktrichtung allein entscheidend war, liegt hinter uns. Moderates Wachstum bei langsam nachlassendem Inflationsdruck unterstützt Risikoanlagen mittelfristig. Regionale Unterschiede gewinnen an Bedeutung. Europa bietet mit günstigeren Bewertungen, fiskalischem Rückenwind und niedrigeren Energiekosten ein interessantes Umfeld. Industrie und binnenorientierte Sektoren weisen Aufholpotenzial auf, insbesondere Finanzwerte.

In den USA bleibt die Gewinnentwicklung robust, getragen vom Technologiesektor. Gleichzeitig erhöht die Konzentration auf wenige große Unternehmen die Anfälligkeit des Marktes. Breite Indizes spiegeln die Marktrealität nicht mehr vollständig wider. Ein selektiver Ansatz gewinnt an Bedeutung, während sinkende Korrelationen zusätzliche Chancen für aktive Allokation eröffnen könnten.

Japan ist ein oft unterschätzter Markt. Ein stabileres Inflationsumfeld, moderate geldpolitische Normalisierung und unterstützende Fiskalpolitik sorgen für Rückenwind. Insbesondere Finanzwerte profitieren von steigenden Zinsen, während sich die positive Entwicklung zunehmend verbreitert.

Auf der Rentenseite eröffnen sich neue Perspektiven. Nach Jahren niedriger Zinsen bieten Anleihen wieder laufende Erträge. Moderate Laufzeiten erscheinen besonders interessant, vor allem bei europäischen Unternehmensanleihen hoher Bonität. Das Potenzial für deutlich sinkende Renditen bleibt begrenzt, während der laufende Ertrag stärker in den Vordergrund rückt. Auch kurzlaufende High-Yield-Anlagen bieten ein attraktives Rendite-Risiko-Verhältnis, erfordern jedoch weiterhin Selektion.

Gold behauptet seine Rolle als Stabilitätsanker. In einem Umfeld anhaltender Unsicherheit bleibt es unseres Erachtens eine sinnvolle Beimischung. Die Nachfrage von Zentralbanken unterstützt diese Entwicklung und unterstreicht den langfristigen Charakter. Gleichzeitig profitiert Gold von moderateren Realzinsen und sinkenden Opportunitätskosten.

Die übergeordnete Schlussfolgerung ist klar: Die Welt wird fragmentierter, die Unsicherheit struktureller – aber die Anlagechancen bleiben intakt. Entscheidend ist nicht, Schwankungen zu vermeiden, sondern sie einzuordnen und zu nutzen. Gleichzeitig verschiebt sich das Marktumfeld von makro- zu stärker unternehmens- und sektorgetriebenen Entwicklungen, in denen Selektion an Bedeutung gewinnt. Ein ausgewogenes Zusammenspiel von Aktien, Anleihen und realen Vermögenswerten erscheint sinnvoller denn je.

Für Anleger heißt das unserer Ansicht nach: investiert bleiben, aber gezielter vorgehen. Qualität, Robustheit und Diversifikation gewinnen an Gewicht. Nicht die Abwesenheit von Risiko entscheidet über den Anlageerfolg, sondern der bewusste Umgang damit.

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