Christian von Hiller, Investment Office Private Wealth Management ODDO BHF

Die Auswirkung des Militärschlags in Venezuela auf die Märkte dürfte begrenzt bleiben

Die Militärintervention der USA in Venezuela wie auch die Gefangennahme von Präsident Nicolás Maduro und seiner Frau am 3. Januar 2026 haben an den Ölmärkten eine überraschende Reaktion ausgelöst. Auf globale Krisen und politische Unsicherheit reagieren die Ölmärkte häufig mit höheren Notierungen. Doch in diesem Fall fiel der Preis für die Nordseesorte Brent zu Beginn dieser Woche auf etwa 60 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) und die Notierung der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) auf weniger als 58 Dollar je Barrel. Grund dafür ist die Erwartung, dass die Sanktionen gegen die venezolanische Ölwirtschaft wegfallen werden und die Überversorgung der Weltmärkte eher zunehmen wird. Die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet damit, dass in diesem Jahr 2026 das Überangebot rund 2 Millionen Barrel täglich betragen könnte.

Die gute Versorgung der weltweiten Ölmärkte lässt sich daran ermessen, dass die Notierung für Brent in den vergangenen zwölf Monaten um rund 19 Prozent gefallen ist. Dass Deutschlands Autofahrer dennoch zu Jahresbeginn eine kräftige Preiserhöhung an den Tankstellen hinnehmen müssen, liegt zum größten Teil an einer Steuererhöhung der Bundesregierung auf Benzin, Diesel und Heizöl. In den Monaten vor der Militärintervention hat sich das Überangebot allerdings etwas reduziert. So ist das weltweite Angebot im November um 610.000 Barrel pro Tag gesunken und hat den Rückgang vom Rekordwert von 109.000 Barrel pro Tag im September auf 1,5 Millionen Barrel täglich fortgesetzt. Vor allem die Sanktionen gegen Russland und Venezuela haben die Angebotsmenge laut der IEA reduziert. „Die Ölmärkte scheinen kurzfristig gut versorgt zu sein, dank fünf Produzenten in Amerika – den Vereinigten Staaten, Kanada, Guyana, Brasilien und Argentinien“, heißt es im World Energy Outlook 2025, den die IEA im November 2025 veröffentlicht hat.1 Allerdings seien laut IEA in den kommenden zehn Jahren rund 25 Millionen Barrel pro Tag an neuen Förderkapazitäten erforderlich, um die Märkte im Gleichgewicht zu halten.

Nun dürfte zumindest ein großes Anbieterland wieder in die globalen Ölmärkte integriert werden. Venezuela produzierte im Oktober 2025 rund 1 Million Barrel täglich und im November 2025 etwas weniger. Das sind zwar nur rund 3,5 Prozent des gesamten Angebots der OPEC-Staaten und deutlich weniger, als das Land in den späten 1990er-Jahren eine Produktion von rund 3,5 Millionen Barrel täglich erreichte und bis 2024 auf nur noch 0,9 Millionen Barrel am Tag abstürzte. Doch die Bedeutung des Landes liegt vor allem in den riesigen Reserven, die auf 303 Milliarden Barrel geschätzt werden. Das sind etwa 17 Prozent der bisher nachgewiesenen Reserven auf der Welt. Und sie übersteigen die Saudi-Arabiens (267 Milliarden Barrel).

Im Jahr 2013 wurde Maduro erstmals zum Staatspräsidenten gewählt unter heftigen Vorwürfen, die Wahl gefälscht zu haben. Bei seiner Wiederwahl im Jahr 2019 warf ihm die internationale Staatengemeinschaft wieder Wahlfälschung vor. Die Vereinten Nationen bezichtigen ihn zudem verschiedener Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Seit 2019 belegten die USA das Land mit Sanktionen und verhängten zudem ein Embargo auf alle Transaktionen mit PDVSA, dem staatlichen Ölkonzern Venezuelas, und drohten ausländischen Unternehmen, die mit PDVSA in Geschäftskontakt stehen, mit Sekundärsanktionen.

Die Sanktionen stoppten die Ölexporte in Venezuelas wichtigste verbleibende Absatzmärkte wie Indien und die Europäische Union und verhinderten die Einfuhr von Verdünnungsmitteln, die für die Verarbeitung des venezolanischen Schweröls benötigt werden. Hauptabnehmer für venezolanisches Öl war zuletzt China. Für Kuba ist die weitere Versorgung mit Öl ungewiss, sollte Venezuela als Anbieter ausfallen.

Derzeit wird kontrovers diskutiert, wie der amerikanische Militärcoup in Venezuela die Gewichte in der Weltpolitik verschieben wird. Er bestärkt all jene in ihrer Einschätzung, die Trump eine unvorhersehbare Politik vorhalten. Auch ist sie ein weiterer Beleg dafür, wie stark Trumps Außenpolitik auf die Sicherung von Rohstoffvorkommen ausgerichtet ist. Offen ist vor allem, ob und wie Russland und China reagieren werden. Denn mit der Militärintervention wollte Trump auch chinesische Hoffnungen auf eine Ausweitung des Einflusses in Venezuela zunichtemachen. Es ist zu bezweifeln, dass China darauf nicht reagieren wird.

Wirtschaftlich ist vor allem die Aussicht auf einen Wiedereinstieg der amerikanischen Ölkonzerne in dem südamerikanischen Land von Bedeutung. Venezolanisches Öl ist besonders dicht und zähflüssig. Das schwefelreiche Rohöl ähnelt mehr einem halbfesten Teer als den klareren Flüssigkeiten aus den Schieferölgebieten der USA, etwa aus der Green-River-Formation in Utah, Colorado und Wyoming. Venezolanisches Öl ist schwerer zu gewinnen und lässt sich nur mit hohem Aufwand zu Benzin, Diesel, Kerosin und Rohstoffen für die chemische Industrie verarbeiten. Doch genau darauf sind viele Raffinerien in den USA ohnehin ausgerichtet. Bisher importieren die US-Raffinerien schweres Öl über Pipelines aus Kanada und halten Optionen auf Vorkommen in Kolumbien und Mexiko. Zwar beschäftigen die US-Raffinerien direkt nur rund 80.000 Mitarbeiter. Doch sie erreichen einen der höchsten Arbeitsplatzmultiplikatoren der US-Wirtschaft, da jeder Arbeitsplatz in einer US-Raffinerie indirekt 45 weitere Stellen schafft.

Folglich sind die USA trotz ihrer Stellung als einer der größten Ölexporteure der Welt wieder ein potenziell wichtiger Importeur von venezolanischer Produktion. Der Zugang zu diesen Vorkommen zu einem attraktiven Preis könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, den Bedarf der USA an preisgünstiger Energie für die „Reindustrialisierung“ ihrer Wirtschaft zu decken. Zudem wird für ein Land der Zugang zu günstigen und langfristig verlässlichen Energiequellen bei Digitalisierung und Ausbau von Künstlicher Intelligenz entscheidend sein. Denn für die Speicherung und Auswertung der Daten, die mit der Digitalisierung entstehen und die für die Entwicklung von KI-Modellen erforderlich sind, sind Rechenzentren entscheidend, die jedoch riesige Mengen an Energie benötigen. Insofern wird US-Präsident Trump seinen energiepolitischen Kurs, auf fossile Energiequellen und nicht auf erneuerbare Energie zu setzen, dank der Wiedererschließung der Ölförderung in Venezuela mittelfristig leichter fortsetzen können. Die Einschränkung ist jedoch, dass der Aufbau einer leistungsfähigen Ölwirtschaft in Venezuela wahrscheinlich zehn Jahre und mehr dauern wird und dass zuvor Investitionen von zig Milliarden Dollar und ein gewaltiger Technologietransfer notwendig sein werden.

Die Aktienkurse von Energiekonzernen wie beispielsweise Chevron und Exxon Mobil haben unmittelbar nach dem Militärschlag zunächst zugelegt. Allerdings verfolgen wir diese Kursentwicklung mit Zurückhaltung, da nicht abzusehen ist, wie hoch die benötigten Investitionen für die Ölunternehmen ausfallen werden und wie stark sie die Unternehmen belasten, bis sie sich positiv auf deren Gewinne auswirken. Ohnehin sind wir so gut wie gar nicht in den Ölsektor investiert und bleiben bis auf Weiteres bei dieser Positionierung. Auch wenn derzeit die neue Lage in der Weltpolitik intensiv und kontrovers diskutiert wird, dürften die direkten Auswirkungen auf die Finanzmärkte begrenzt bleiben. Allerdings könnte die Militärintervention mit allen ihren ungewissen Folgen eine Phase erhöhter Volatilität an den Finanzmärkten auslösen. In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass solche Phasen an den Märkten auch Kaufgelegenheiten für langfristig ausgerichtete Aktienanleger mit entsprechender Risikobereitschaft hervorbringen können.

Christian v. Hiller

1) Internationale Energieagentur: World Energy Outlook 2025, Seite 22

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