Peter Reichel, Chief Investment Officer ODDO BHF SE
Anleihemärkte: Steigende Renditen schaffen Handlungsdruck in Washington
- Das US-Finanzministerium will mit höheren Anleiherückkäufen den Anstieg der Langfristzinsen abmildern.
- Die steigende Verschuldung, hohe Staatsdefizite und eine starke Kapitalnachfrage des privaten Sektors sprechen für eine steile Zinskurve und erhöhte Laufzeitprämien in den USA.
- Für Anleger erscheinen uns mittlere Laufzeiten attraktiver als sehr lange; Kreditrisiken erfordern mehr Sorgfalt.
- Gold bleibt ein wichtiges strategisches Diversifikationsinstrument
Die Anleiherenditen in den USA sind im Verlauf dieses Jahres deutlich nach oben gelaufen. Die zehnjährige US-Staatsanleihe rentierte zuletzt bei 4,7 Prozent, gut 50 Basispunkte höher als zu Jahresbeginn. Bei der dreißigjährigen Anleihe ging es im gleichen Zeitraum um rund 40 Basispunkte nach oben, die Rendite stieg über 5,2 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2007. Steigende Renditen setzen die Kurse unter Druck und sorgen entsprechend für Nervosität unter den Anlegern. Die steigenden Renditen bedeuten aber auch, dass die Finanzierungskosten für den Fiskus weiter steigen. Und sie bringen natürlich auch höhere Finanzierungskosten für Unternehmen und Haushalte.
Grafik 1: Rendite von US-Staatsanleihen mit dreißigjähriger Laufzeit („Long Bond“)

Quelle: LSEG Datastream, 01.01.2026-26.08.2026
In der vergangenen Woche gab das US-Finanzministerium („Treasury“) bekannt, die Rückkäufe von Anleihen im langen Laufzeitband von 10 bis 30 Jahren von 2 auf mindestens 4 Milliarden USD pro Transaktion aufstocken zu wollen. Die Ankündigung erwischte den Markt zunächst auf dem falschen Fuß und sorgte für einen kräftigen Kursanstieg bzw. Renditerückgang im betroffenen Segment. Der unmittelbare Effekt bildete sich am Folgetag zurück, die Anleihemärkte haben sich seither aber tendenziell stabilisiert.
Offiziell begründete das Finanzministerium die Maßnahme damit, die Liquidität stärken und die Preisbildung am langen Ende der Zinskurve verbessern zu wollen. Angesichts des überraschenden Vorgehens und der nachfolgenden Kommentare von Finanzminister Scott Bessent werteten viele Marktteilnehmer die Maßnahme eher als Versuch, den Anstieg der Renditen am langen Ende der Zinskurve einzudämmen.
Vieles deutet darauf hin, dass die Regierung den jüngsten Renditeanstieg mit Sorge betrachtet. Bessent sprach davon, dass die Renditen fundamental nicht gerechtfertigt seien. Mit Blick auf die Zwischenwahlen im November dürfte der politische Druck zusätzlich steigen. Allerdings ist der Markt für US-Staatsanleihen mit einem Umlauf von rund 32 Billionen USD der größte Finanzmarkt der Welt. Der tägliche Umsatz liegt bei mehr als einer Billion USD. Gemessen an der Größe des Treasury-Marktes dürfte der direkte Markteinfluss deshalb begrenzt bleiben. Rückkäufe eignen sich für die Marktpflege, um die Liquidität in einzelnen Emissionen zu verbessern. Sie eignen sich aber kaum dafür, die Zinskurve dauerhaft zu beeinflussen. Versuche, die Anleiherenditen zu steuern, können sogar kontraproduktiv sein, da sie das Vertrauen in die Finanzpolitik beschädigen und Inflationsrisiken verstärken könnten.
Rückkäufe verringern den Umlauf langlaufender Anleihen, würden aber im Endeffekt durch andere Instrumente wie Treasury Bills (Diskontpapiere mit Laufzeiten bis zu 12 Monaten) oder kurzlaufende Anleihen refinanziert werden müssen. Entscheidend ist, dass die Rückkäufe nichts an der fundamentalen Situation des Marktes verändern: Neben Inflationserwartungen und den Einschätzungen des Marktes zur künftigen Geldpolitik spiegelt der Anstieg der Renditen im längerfristigen Laufzeitbereich insbesondere die Höhe der Staatsverschuldung und die geringen Aussichten auf eine Eindämmung der Defizite und eine Stabilisierung der Schulden. Die letzten Projektionen des Congressional Budget Office beispielsweise gehen von jährlichen Defiziten in Höhe von rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Keines der politischen Lager scheint an einer nachhaltigen Verringerung der staatlichen Neuverschuldung interessiert zu sein.
Hinzu kommt, dass Staat und Privatsektor verstärkt um Kapital konkurrieren, vor allem aufgrund des hohen Finanzierungsbedarfs im Technologiesektor. Nach Schätzungen von Morgan Stanley könnte die diesjährige KI-bezogene Kreditaufnahme am US-Markt ein Volumen von etwa 450-500 Milliarden USD erreichen. Davon würden etwa 350 bis 400 Milliarden USD auf Anleihen im Investment Grade-Segment entfallen. Gerade bonitätsstarke Emissionen wie beispielsweise von Alphabet, die ein AA-Rating aufweisen und lange Laufzeiten bieten, stehen dabei in unmittelbarem Wettbewerb mit den Schuldtiteln des Finanzministeriums.
Für den Anleger folgt daraus, dass die vorgesehene Erhöhung der Rückkäufe dem Anleihemarkt keine dauerhafte Unterstützung bieten dürfte. Die fundamentale Ausgangssituation spricht am Markt für US-Staatsanleihen für eine steile Zinskurve und eine erhöhte Laufzeitprämie. Eine Umkehr des aktuellen Zinstrends wäre wohl nur dann zu erwarten, wenn es zu einer Abkühlung der Konjunktur mit Verlangsamung der Inflation, eventuell verbunden mit einer deutlichen Straffung der Geldpolitik, oder zu einer strukturellen Entspannung der Haushaltssituation käme.
Diese Szenarien sind nach unserer Einschätzung derzeit weniger wahrscheinlich. Eine weitere Versteilung der Zinskurve erscheint uns unter den aktuellen Voraussetzungen keinesfalls weniger plausibel als ein Renditerückgang. Entsprechend sehen wir derzeit bei sehr langen Laufzeiten kein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis. Mit einer Duration im mittleren Bereich lassen sich die Zinsänderungsrisiken begrenzen und gleichzeitig eine immer noch attraktive Laufzeitprämie vereinnahmen.
Für Unternehmensanleihen gilt aus unserer Sicht, dass eine weitere Verringerung der ohnehin knappen Kreditrisikoprämien unwahrscheinlich ist, eher im Gegenteil. Das macht es umso wichtiger, bei der Auswahl der Emittenten wählerisch zu sein und schwächere Bonitäten und längere Laufzeiten zu meiden.
Bemerkenswert war die Marktreaktion auf die angekündigten Anleihekäufe in anderen Assetklassen. Nicht die ökonomische Wirkung der Rückkaufpläne war entscheidend, sondern das politische Signal, dass die Regierung die Entwicklung der Langfristzinsen aktiv beeinflussen möchte. Vor allem die klassischen „sicheren Häfen“ außerhalb der USA, insbesondere der Schweizer Franken und Gold, reagierten mit Kursgewinnen auf Rückkaufpläne. Der Franken hat seit der Ankündigung der Rückkäufe am 19. August rund 0,8 Prozent zum Dollar zulegen können, der Euro immerhin um 0,6 Prozent. Gold verteuerte sich im gleichen Zeitraum sogar um 6 Prozent.
Grafik 2: Goldpreis im Jahresverlauf 2026


Quelle: LSEG Datastream, 01.01.2026-26.08.2026
Die Marktbewegungen zeigen keine „Flucht aus dem Dollar“, lassen aber ein wachsendes Unwohlsein mit den finanzpolitischen Entwicklungen in den USA und dem politischen Umgang mit der Situation erkennen. Dies verstärkt die geopolitisch motivierten Vorbehalte gegenüber US-Anlagen, die sich beispielsweise in der Umschichtung von Währungsreserven in Gold ausdrücken. Ergänzt wird dieser Impuls durch die leichte Rückbildung der Zinserhöhungserwartungen für die US-Notenbank. Die ETF-Goldbestände lassen eine wieder steigende private Nachfrage erkennen.
Wir gehen davon aus, dass Anleger verstärkt nach Möglichkeiten der Absicherung gegen fiskalische und geopolitische Risiken suchen. Für ausgewogene Portfolios bevorzugen wir derzeit eine durchschnittliche Laufzeit im mittleren Bereich. Gegenüber langlaufenden Staatsanleihen bleiben wir zurückhaltend. Kreditrisiken sollten nur selektiv und mit kurzen bis mittleren Laufzeiten eingegangen werden. Gold kann bei entsprechender Risikobereitschaft im Portfoliozusammenhang eine wichtige strategische Diversifikationsfunktion im Sinne einer „Versicherung“ gegen allgemeine systemische Unsicherheiten erfüllen.
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